Alexandra Post für KLIK e. V.
Berlin, 6. Oktober 2026
Am 20. September 2026 ist Prof. Dr. Claudia Steckelberg verstorben. Claudia war KLIK und unserer Arbeit über viele Jahre eng verbunden. Seit 2020 war sie Mitglied des Vereins, seit 2021 gehörte sie ehrenamtlich unserem Vorstand an.
Ich habe Claudia Ende 2010 in einer Fachgruppe kennengelernt. Sie stellte dort eine Untersuchung zu jungen Menschen vor, die sich am Alexanderplatz aufhielten. Damals arbeitete sie beim Moabiter Ratschlag und lehrte zugleich an der Alice Salomon Hochschule.
KLIK war zu dieser Zeit ein Kontaktladen für junge Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße, noch kein eigener Verein. Viele der jungen Menschen, die zu uns kamen, stammten aus den damals neu beigetretenen EU-Mitgliedstaaten und fanden kaum Zugang zu wohlfahrtsstaatlichen Hilfen. Im Rahmen eines Projekts suchten wir damals gezielt den Austausch mit Akteur*innen in der Berliner Hilfelandschaft. Wir wollten sichtbar machen, welche jungen Menschen von den bestehenden Hilfen nicht erreicht oder ausgeschlossen wurden.
Uns verband die Frage, wie Angebote so gestaltet werden können, dass sie bei den Erfahrungen der Menschen ansetzen, die sie erreichen sollen. Es ging darum, Menschen nicht vorschnell zu etikettieren und nicht auf ihre Schwierigkeiten zu reduzieren. Darum, zuzuhören, ihre Sicht auf ihr Leben ernst zu nehmen und auszuhalten, dass nicht alles eindeutig ist.
Dazu gehörte auch ein kritischer Blick auf die eigene Arbeit und das eigene Handeln. Denn Einrichtungen, Projekte und Hilfestrukturen können Menschen ausschließen, auch ohne es zu beabsichtigen – wenn gesellschaftliche Normvorstellungen und die Anpassung an sie zum Maßstab der Unterstützung werden.
Ich fand Claudia sympathisch und wollte mehr über ihre Arbeit erfahren. Ich las ihre Dissertation „Zwischen Ausschluss und Anerkennung. Lebenswelten wohnungsloser Mädchen und junger Frauen“. Claudia nahm darin die Erfahrungen und Deutungen der jungen Frauen zum Ausgangspunkt und fragte nach den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Lebenslagen. Darin erkannte ich unseren eigenen Ansatz wieder: von den Menschen und ihrer Sicht auf ihr Leben auszugehen, ohne die Verhältnisse auszublenden, unter denen sie leben. Ich fühlte mich ihrem Denken verbunden.
In den folgenden Jahren begegneten wir uns immer wieder auf Tagungen und Fachveranstaltungen. Nachdem Claudia 2013 Professorin an der Hochschule Neubrandenburg geworden war, kam sie auch mit Studierendengruppen zu KLIK.
Claudia interessierte sich dafür, wie wir die mit immer neuen Projektförderungen aufgebauten Strukturen verstetigen und weiterentwickeln konnten. Wir sprachen über prekäre Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft und über die Parallelen zur Sozialen Arbeit: über befristete Stellen, unsichere Finanzierung und darüber, was es mit der Arbeit macht, wenn gerade die Angebote prekär bleiben, die Menschen erreichen, für die sich die regulären Systeme nicht zuständig fühlen.
Wir tauschten uns auch auf Twitter über Verdrängungspolitiken aus und solidarisierten uns mit den Bewohnenden der Habersaathstraße. Wir lästerten auch mal über Projekte, die wir als Schaufensterpolitik empfanden, und kritisierten Angebote, die aus unserer Sicht Menschen eher kontrollierten als unterstützten oder vor allem auf öffentliche Sichtbarkeit setzten.
Ihr Beitrag „Wohnungslosigkeit als heterogenes Phänomen. Soziale Arbeit und ihre Adressat_innen“ war für mich auch ganz praktisch wichtig. Er half mir, das Konzept der Kontakt- und Beratungsstelle von KLIK e. V. zu überarbeiten und den Antrag für eine Förderung im Rahmen des Berliner Integrierten Sozialprogramms zu formulieren. Claudia beschrieb darin, was uns in unserer Arbeit beschäftigte: dass es „die Wohnungslosen“ als einheitliche Gruppe nicht gibt und dass Hilfesysteme Ausschlüsse hervorbringen können, wenn sie von einem vermeintlichen Normalfall ausgehen.
Claudia im Vorstand von KLIK
2020, mitten in der Corona-Pandemie, wurde Claudia Mitglied bei KLIK e. V. Als wir sie fragten, ob sie für den Vorstand kandidieren wolle, sagte sie zu. In der digitalen Mitgliederversammlung stellte sie sich zur Wahl – ruhig, unprätentiös und zugleich zugewandt. Seit 2021 gehörte sie unserem Vorstand an.
Für mich war das ein großer Gewinn. Claudia brachte ihre klare Haltung und ihr aufmerksames Interesse in die Weiterentwicklung von KLIK ein: Sie begleitete den Übergang vom Kontaktladen zur Beratungsstelle. Gemeinsam arbeiteten wir an Satzungsänderungen. Sie half dabei, Stellenanzeigen zu formulieren, Antragstexte zu überarbeiten und für wichtige Entscheidungen die passenden Worte zu finden.
Es gab auch viele Krisensitzungen: Gespräche über Belastungen, Unsicherheiten und Konflikte, die eine kleine gemeinnützige Organisation mit sich bringen kann. In diesen Situationen habe ich Claudia als empathisch, solidarisch und ehrlich erlebt, zugleich abwägend und aufmerksam für Zwischentöne. Wenn sie spontan die Moderation einer Mitgliederversammlung übernahm, machte sie daraus keine große Sache. Sie hörte genau zu und moderierte unaufgeregt.
Bei Claudia habe ich Rückhalt gespürt. Sie war da, wenn es schwierig wurde, und sie freute sich über das, was KLIK gelang. Wir hatten in vielen Fragen eine ähnliche Haltung und konnten uns über manche Absurdität in diesem Feld gemeinsam amüsieren.
Was in Erinnerung bleibt
Marcel Nouvertne, der seit 2022 gemeinsam mit mir die Geschäftsführung von KLIK innehat, erinnert sich an Claudia:
„Meine Erinnerungen an Claudia sind von vielen situativen Bildern geprägt: Als ich sie das erste Mal im Besprechungsraum bei der Koepjohann’schen Stiftung traf und wir danach zusammen Kaffee tranken; unser Vorstandstreffen in der Pizzeria, die sie mit der Familie schon getestet hatte, ob sie etwas taugt; sie als Professorin bei Projektbesuchen; und zuletzt bei einem Besuch in ihrer Küche.
Was mir aber besonders in Erinnerung bleiben wird: Wie wertschätzend sie war und mit welchem Blick auf Stärken sie anderen auch in schwierigen Situationen begegnete. Wie sie gleichzeitig zurückhaltend und doch ehrlich interessiert beobachtend auftrat. Dabei war sie immer humorvoll, mit kleinen, sehr trockenen Bemerkungen, die manchmal auch einen leicht spöttischen Unterton hatten, ohne je verletzend zu wirken.“
Noch im Februar dieses Jahres brachte Claudia zu einem Kennenlerngespräch mit einer neuen Kollegin der Beratungsstelle einen Schokoladenkuchen mit. Auch daran erinnere ich mich gern.
Ihr Tod kam für mich plötzlich. Obwohl wir uns über viele Jahre kannten und mir ihr Denken und ihre Haltung nah waren, hätte ich sie gern noch besser kennengelernt. Ich hätte gern noch mehr Zeit für Gespräche mit ihr gehabt.
Ich bin dankbar, dass Claudia über so viele Jahre an unserer Seite war. Ich werde ihre tiefe Stimme, ihren verschmitzten Blick, ihren trockenen Humor und ihr lautes Lachen vermissen.
Claudia hat unsere Arbeit mitgeprägt – mit ihren Fragen, ihrer Kritik und ihrer Unterstützung. Das bleibt.
